Weltbilder des Altertums

Vom Schamanismus bis zum Babylonischen Weltbild 

Das älteste uns überlieferte Weltbild ist das des Schamanismus im Paläolithikum. Hinweise finden sich in Höhlen- und Felsmalereien sowie in Bestattungsriten, die bereits auf eine komplexe Kosmologie hindeuten: Der Mensch verstand sich als Teil einer von Geistern, Ahnen und Naturkräften bevölkerten Welt, die Himmel, Erde und Unterwelt umfasste. Mit der Sesshaftwerdung im Neolithikum und dem Übergang zu agrarischen und nomadischen Wirtschaftsformen entstanden neue Vorstellungen, die stärker auf Ordnung, Zyklen und Wiederkehr basierten. Der Himmel mit Sonne, Mond und Sternen diente zunehmend der Zeitmessung und wurde Grundlage für erste Kalender. Mit dem Aufkommen der frühen Stadtstaaten in Mesopotamien, Ägypten und anderen Regionen der Bronzezeit wurden diese Weltbilder weiterentwickelt und institutionalisiert.

Stellvertretend für die Kosmologien des Altertums gilt heute das babylonische Weltbild. Die Babylonier stellten sich die Erde als Scheibe vor, die auf einem unendlichen Urmeer schwimmt. Dieser Ozean umgab nicht nur die Erde, sondern wölbte sich auch über sie hinaus. Getrennt wurden Erde und Wasser durch das Himmelsgewölbe, in dem Wetterphänomene stattfanden und die Götter die Sterne bewegten. Dieses Firmament wurde von den „Säulen der Erde“ getragen – einem imaginären Gebirge, das die Erdscheibe ringförmig umgab. Im Zentrum erhob sich der sogenannte Weltenberg, um den Sonne und Mond kreisten. Aus diesem Umlaufgeschehen erklärten die Babylonier Tag und Nacht. Bemerkenswert ist die zentrale Rolle des Mondes, dem in vielen altorientalischen Kulturen größere Bedeutung beigemessen wurde als der Sonne, da er mit Fruchtbarkeit, Zeitrechnung und göttlicher Macht in Verbindung gebracht wurde.

Auch in anderen Hochkulturen entwickelten sich charakteristische Weltbilder. Die Ägypter stellten sich den Himmel als die Göttin Nut vor, deren Körper sich über die Erde wölbt, während der Gott Geb als Erdscheibe darunter liegt. Der Sonnengott Re fuhr in einem Boot täglich über den Himmel und in der Nacht durch die Unterwelt, womit er den ewigen Kreislauf von Tag und Nacht sicherte. Hier verband sich kosmologisches Denken eng mit Religion und Staatskult.

In der griechischen Antike nahmen die Weltbilder philosophischere Formen an. Anaximander (611–546 v. Chr.) sah die Erde als frei schwebenden Körper im Mittelpunkt des Kosmos, umgeben von Ringen aus Feuer, in denen Sonne, Mond und Sterne eingelassen seien. Er verglich die Sterne mit goldenen Nägeln im Kristallhimmel. Platon (427–347 v. Chr.) erhob die Kugel zur vollkommenen göttlichen Form und verknüpfte damit die Idee, dass die Planeten sich auf gleichförmigen Kreisbahnen bewegen müssten. Aristoteles (384–322 v. Chr.) schließlich entwickelte das geozentrische System aus konzentrischen Kristallsphären, an denen die Himmelskörper befestigt waren. Obwohl er zunächst eine Scheibenerde erwog, schloss er aus Beobachtungen – etwa dem Auftauchen von Schiffsmasten am Horizont oder dem kreisrunden Erdschatten bei Mondfinsternissen –, dass die Erde kugelförmig sein müsse. Seine geozentrische Physik mit der ruhenden Erde im Zentrum blieb prägend für mehr als 1500 Jahre.

Doch nicht nur im Mittelmeerraum wurden bedeutende Weltmodelle entwickelt. In Indien finden sich bereits in vedischen Sanskrit-Texten des 9.–8. Jahrhunderts v. Chr. erstaunlich genaue Vorstellungen: Die Erde sei eine Kugel, die gemeinsam mit anderen Planeten die Sonne umkreist. Abstände zwischen Erde und Mond sowie Erde und Sonne waren bemerkenswert genau bekannt, ebenso die Länge eines Jahres. Der indische Astronom Aryabhata (476–550 n. Chr.) erkannte zudem, dass Mond und Planeten ihr Licht von der Sonne reflektieren. Später erweiterte Bhaskara II. (1114–1185) diese Modelle, indem er komplexere Planetenbahnen beschrieb. Solche Erkenntnisse gelangten zwar über arabische Übersetzungen nach Europa, setzten sich dort aber lange nicht durch.

Interessant ist auch das ägyptische bzw. alexandrinische Mischsystem, das als Vorläufer des späteren tichonischen Weltbildes gelten kann. Danach umkreisten Sonne und Mond die Erde, während die übrigen Planeten um die Sonne kreisten. Diese hybride Form zeigt, wie flexibel Weltbilder in Übergangszeiten sein konnten. Im 16. Jahrhundert griff Tycho Brahe ähnliche Ideen auf, indem er zwar die Erde im Zentrum beließ, aber alle anderen Planeten um die Sonne kreisen ließ.

Die Vielfalt der alten Weltbilder verdeutlicht, dass der Mensch seit frühester Zeit versucht hat, seine kosmische Stellung zu erklären. Ob im Schamanismus, im babylonischen Mythos, in den altindischen Texten oder in den griechischen Philosophien – stets ging es darum, Ordnung und Sinn in die Beobachtungen des Himmels zu bringen. Diese frühen Modelle verbanden Religion, Mythos und Naturbeobachtung. Sie bereiteten damit den Boden für spätere wissenschaftliche Weltbilder, die im Mittelalter und in der Neuzeit eine Abkehr von mythischen Vorstellungen zugunsten empirischer Beobachtungen vollzogen.

Rückblickend sind die Weltbilder des Altertums weniger primitive Irrtümer als vielmehr kulturelle Spiegel: Sie zeigen, wie Menschen ihre Erfahrungen, ihre Religion und ihre Naturbeobachtung in kohärente Systeme einordneten. In dieser Hinsicht stehen sie am Beginn einer langen Tradition – von der mythischen Kosmologie über das ptolemäische System bis zum modernen Weltbild des Kosmos.